Vorausgesetzt, es besteht ein Faible für all die Freizeitaktivitäten, die dort angeboten werden, und welche die Passagiere fast vergessen lassen, dass sie sich auf einem Schiff befinden, umgeben von Millionen Litern salzigen Meerwassers.
Für nichts dergleichen konnte sich Harold begeistern.
Er trat auf das Oberdeck in dem Moment die Sonne am Horizont verschwand, wollte sich eine Zigarette anzünden, und sah das Mädchen.
Es stand an der Reling und starrte auf eine Möwe in vielleicht drei Metern Entfernung vor ihm auf dem Deck liegend.
Es erschien einer der Schiffsstewards, nahm das Tier mit einem Kehrblech auf, und schleuderte den Kadaver über Bord mit den Worten „für die Fische“, und entfernte sich lachend.
„Er meinte die Delfine“. Das Mädchen folgte dem Blick des Mannes und sah die Rückenflossen nah am Schiffsrumpf.
„Haben Sie eine Zigarette für mich?“ „Wie alt bist Du?“ „Fünfzehn. Im Dezember werde ich sechzehn.“ „Dann versprich mir, dass Du mit zwanzig aufhörst.“ Er reichte ihr die offene Schachtel hin, „danke“, das Mädchen entzündete die Zigarette selbst.
„Ich hasse es, auf diesem Schiff zu sein.“
Sie nannten sich ihre Namen; der des Mädchens ist Person. „Am liebsten würde ich mich umbringen.“ Person deutete mit der Zigarettenhand hinunter auf das Wasser. Harold schaute auf seine Armbanduhr, „oh, ich muss gehen, meine Frau will sich mit mir ein Theaterstück ansehen“, trat die Zigarette aus und wickelte den Stummel in ein Stück Cellophanpapier von der Schachtel, „oder war es ein Musical?“ Der Mann zuckte mit den Schultern, „wir laufen uns bestimmt nochmal über den Weg“, und ging davon, ohne sich noch einmal nach dem Mädchen umzusehen. „Scheisse.“ Person zog hastig an der Zigarette, sah ein, dass sie ihr nicht mehr schmeckte, und warf sie mit einer Verzweiflung ausdrücken sollenden Bewegung ihres linken Armes hinunter in das Wasser.
Sie streifte durch den Bauch des Schiffes, traf in einem der Gänge auf einen Mann in weißer Arbeitskleidung, der gerade eine doppelflügelige Tür verschloss. „Was machst Du denn hier? Hast Du Dich verlaufen?“ Person starrte auf das Schlüsselbund. „Komm her, ich zeige Dir die Küche, komm mit.“
Im Licht der nackten Neonröhren konnte sie die Arbeitsflächen und die an Haken nebeneinander aufgereihten Töpfe und Pfannen betrachten, folgte dem Mann, der vor ihr herstapfte, hier und da Schubladen aufriss, in denen sich Arbeitsgeräte und Bestecke befanden, „muss alles an seinem Platz und gesichert sein, für den Fall, dass unruhige See kommt,“ und, sich seitlich zu ihr hindrehend, „willst die Kühlkammer mit den halben Schweinen und dem aufgebrochenen Wild sehen?“, und als das Mädchen nicht reagierte, „ich dachte, das würde Dich interessieren – bist doch`n Grufti, oder?“ „Ich bin Vegetarierin“, zischte Person ihm entgegen, was ihn aber nicht beeindruckte. „Wir können noch bei mir was trinken und Musik hören.“ Jetzt stand er ihr frontal gegenüber; sein Wanst sah aus wie ein Halloweenkürbis, der geschnitzt werden konnte.
„Ey, Alter, pack mich an, und es ist bei Dir unruhige See…“ Der Koch (oder was auch immer der Mann darstellte) hob beschwichtigend die Hände, „hey, war nur `n Angebot.“ „Das kannste Dir sonstwohin schieben!“ Und damit war sie hinaus aus der Küche, die Gänge entlang und Treppenstufen hinauf, und stand endlich vor der Tür zur Kabine, deren Nummer sie sich gemerkt hatte, 276.
Am nächsten Morgen sah sich Harold beim Frühstücksbüfett nach dem Mädchen um, und kehrte mit einem gefüllten Teller an den Tisch zu seiner Frau zurück. „Hast Du an meine Konfitüre gedacht?“ „Ach. Die habe ich vergessen. Ich hole sie Dir…“ „Lass, lass, lass! Setz Dich und iss, Dein Rührei wird sonst kalt.“ Er sah sie zu den Speisen gehen, und sich dort mit einer Frau unterhalten. Zwischenzeitlich schauten sie zu ihm herüber, und dann lachten sie.
„Wer war das?“ „Ach Schatz, eine Frau. Sie teilt sich mit ihrem Lebenspartner und ihrer Tochter eine Kabine auf dem Zwischendeck.“ Harold nickte, und nahm einen Schluck Kaffee. „Gleich nach dem Frühstück wirst Du mich in die Sauna begleiten, ja, Schatz?“ Harold nickte erneut, ergeben. Er verabscheute die Sauna, das Herumsitzen und Schwitzen, womöglich noch in der Anwesenheit anderer Menschen, um nach dem Abduschen mit eiskaltem Wasser in ein Tuch gewickelt dazuliegen. Harold schloss die Augen und dachte daran, noch weitere acht Tage überstehen zu müssen.
Person sah den Mann wieder, als er aus einer Kabine trat. Das Mädchen hatte seinen Namen vergessen, und so wartete es, bis sein Blick sie traf, „hier wohnen Sie?“ „Zusammen mit meiner Frau, ja.“ Kurz schien er zu überlegen, „ich habe gerade etwas Zeit. Kommst Du mit, eine rauchen?“ „Ich habe aufgehört.“ Harold lachte. „Das ging aber schnell.“ Person folgte ihm, schließlich gingen sie nebeneinander. „Meine Mutter und ihr Freund haben mich rausgeschickt. Sie wollen ihre Ruhe haben.“ Der Mann nickte, holte aus der Seitentasche seiner Jacke eine Zigarettenschachtel. „Die Idee mit der Kreuzfahrt kam von ihm. Meine Mutter wollte, dass ich mitkomme. Sie denkt, dass ich zuhause alleine nicht klarkomme.“
Gemeinsam betraten sie das Oberdeck. Während er rauchte, erzählte Harold, dass sie seit zehn Jahren verheiratet seien, und er angestellt ist in der Firma ihres Vaters. „Dann hat Ihre Frau bei euch die Hosen an.“ Auch darüber lachte Harold, wenn auch diesmal etwas verhaltener. Das Mädchen reckte sich ihm entgegen, küsste seine Wange, und verabschiedete sich mit den Worten „ich habe noch eine Verabredung mit dem Koch. Er soll mir noch ein paar Dinge zeigen,“ und diesmal war es Person, die sich nicht umdrehte.
„Viele Menschen glauben lieber, dass unser Hang zur Gewalt und zur atomaren Auseinandersetzung auf biologische Faktoren zurückzuführen ist, die sich unserer Kontrolle entziehen, als dass sie die Augen aufmachen und erkennen, dass die von uns selbst verursachten sozialen, politischen und ökonomischen Umstände daran schuld sind…“
„Hast Du was gesagt?“ Der Mann seufzte, legte ein Lesezeichen zwischen die Buchseiten und nahm einen Schluck aus dem auf dem Nachtschränkchen stehenden Glas Wasser. „Nichts von belang. Hast Du daran gedacht, Deine Tabletten zu nehmen?“ Die Frau hatte die Tür zum Balkon geschlossen und zog die Vorhänge zu, steuerte den kleinen Tisch an, nahm dort ihren allabendlichen Medikamentencocktail mit einem Glas Weißwein zu sich. „Hast Du unsere…meine Tochter in letzter Zeit gesehen?“ „Heute Nachmittag zum letzten Mal.“ „Wo sie wohl stecken mag?“ „Irgendwo auf dem Schiff, nehme ich an, alle möglichen Freizeitangebote ausprobieren“, oder mit einem von den Stewards vögeln, hätte er am liebsten noch ergänzt, schluckte es jedoch herunter, da er um Merediths Sensibilität in Hinsicht solcher Aussagen wusste.
Sie löschten das Licht, und als sich der Mann sicher sein konnte, dass die Frau schlief, schlüpfte er in seine neben dem Bett bereitgestellten Loafers, trat hinaus auf den Gang, die Kabinentür leise schließend.
An der Reling stehend überlegte er, wie er am besten weiter vorgehen könne, ohne dass der Verdacht auf seine Person fallen würde. Da erhielt er einen Schlag auf den Hinterkopf, der seine Sinne beeinträchtigte, und im selben Moment fühlte er sich an den Beinen gepackt, zu den Sternen emporgehoben, und dann fiel George van Pelt durch die Nacht in das schwarze Wasser des Ozeans.
Der deutschsprachige Kapitän verstand „Mord, Mord“ aus dem Mund des hilflos vor sich hin stammelnden Mannes. „Das wird der Name der Frau sein“, sagte der Schiffsarzt, der den auf dem Bett liegenden Körper flüchtig untersuchte. Dieser war gekleidet in einen cremefarbenen Schlafanzug mit dezentem Blumenmuster; das Oberteil war vorne und hinten in Blut getränkt, die Hose wies Verunreinigung durch Kot aus. Auf dem Laken befand sich ebenfalls eine größere Menge Blut, die noch nicht gänzlich getrocknet war. Der Geruch von den Ausscheidungen erschwerte den Anwesenden das Atmen.
„Ich werde das in Ordnung bringen.“ Der Steward trug da einen Eimer mit Putzutensilien bei sich. „Lassen Sie die…Tote in die Kühlkammer bringen, Die Polizei vom Ankunftsort wird sich des Falles annehmen…“
„Ich war an der Bar, um noch etwas zu trinken, und als ich zurückkam, da…lag sie da!“ „…Und das Messer hier muss in eine Plastiktüte, zwecks Untersuchung der Spuren…Fingerabdrücke“, gab der Schiffsarzt weitere Anweisungen. Er war der festen Überzeugung, dass dieses Messer in der Bordküche zum Zerteilen von Fleisch benutzt wurde.
Als dem Kapitän kurz darauf ein Passagier als vermisst gemeldet wurde, („der Mann aus Kabine 276“) kam ihm der Gedanke, seine berufliche Laufbahn auf einem Frachtschiff weiterzuführen. Er konnte und wollte die immer verrückter daherkommenden Menschen einfach nicht mehr ertragen.
Und die Delfine schwammen weiter mit dem Schiff, in Erwartung dessen, was noch für sie abfallen würde…
Christian C. Kruse, Januar 26
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