Diese nun folgende Geschichte erzählt von einem Busfahrer. Damals, als er noch jung gewesen ist, hat er sich zu diesem Beruf entschieden, die dafür notwendige Fahrprüfung absolviert und einen Vertrag bei der Busgesellschaft seiner Stadt unterschrieben.
Und von diesem Tag an befördert er Menschen in einem Linienbus. Er nimmt seine Tätigkeit sehr genau, genau so macht sie ihm auch Spaß. Eben aus diesem Grunde ist er stets freundlich zu seinen Fahrgästen. Ob es die Schulkinder sind, die sich an ihm vorbeidrängen, sommers in luftigen Kleidern, im Winter dicke Mäntel und Mützen tragend, und immer ihre schweren Ranzen auf dem Rücken, oder die alten Leute, die sich von ihm ein paar Haltestellen zum Arztbesuch oder zum Einkaufen fahren lassen. Mit ihnen hält er gern ein kleines Schwätzchen (obwohl es ja eigentlich nicht gestattet ist), hat ein offenes Ohr für ihre Nöte und ein Nicken für den neuesten Tratsch.
In der Pause packt er seine Butterbrote aus und schenkt sich dazu Tee aus der Thermoskanne ein. Wenn er die letzte Tour für den Tag getätigt hat, fährt er den Bus zum Depot zurück, schaut noch einmal durch die Reihen, schließt dann ab, und begibt sich nach hause.
So geht es, tagein, tagaus, bis auf wenige Ausnahmen ist es stets die gleiche Strecke, auf der er eingesetzt wird. Jedoch langweilig wird es ihm nicht, denn, wie bereits eingangs erwähnt, übt der Mann seine Tätigkeit gerne aus.
So hätte es denn also bis zu seiner Berentung weitergehen können, wenn, ja wenn nicht eines Tages folgendes geschehen wäre:
Wie gewohnt ist er zum Antritt seiner Frühschicht morgens aufgestanden, hat sich geduscht und rasiert, gefrühstückt, die Pausenbrote belegt und Tee in die Thermoskanne gefüllt, um so ausgerüstet mit dem Rad zum Depot zu fahren,
dort den Bus aufzuschließen und das Gefährt an den Startpunkt, den zentralen Omnibusbahnhof, zu steuern.
Als erstes kommen die Schüler, die, mit bereits robusterer Kleidung (es ist schließlich Herbst), mit ihren Monatskarten in den Händen zu den Sitzen wuseln.
Auf der nächsten Tour erwarten ihn die Senioren zu ihren Einkaufsfahrten; ein Mann mit Gehhilfen steigt hinzu, den er zu der Haltestelle mit einer nur ein paar Meter entfernten Krankengymnastikpraxis fährt, läßt eine junge Frau mit Kinderwagen durch die hintere Tür einsteigen und wartet geduldig, bis sie bei ihm vorne bezahlt hat und sich wieder zu ihrem Kind gesetzt hat.
Gen Mittag macht er seine Pause, isst zwei der Brote und trinkt einen Becher Tee dazu. So gestärkt tritt er die Rückfahrt an.
Am Ende des Arbeitstages fährt er den Bus zum Depot zurück, tankt ihn für den morgigen Tag voll, will gerade abschließen, als ihn etwas innehalten läßt. Es ist ein Gedanke, der nur kurz aufflammt, wie ein in der Dunkelheit angerissenes Streichholz, jedoch lang genug, um ein Feuer zu entfachen, welches Bilder vor dem inneren Auge des Mannes entstehen läßt, die er meint, schon lange vergessen zu haben.
So steht er da, in seiner Busfahreruniform, das Schlüsselbund in der Hand, schwankt leicht, als hätte er Alkohol getrunken. Und so ist ihm auch, er fühlt sich berauscht ob dieses Gedankens, der sich immer mehr zu einer Idee verfestigt, ja fast schon zu einem Plan, und schließlich packt er seine Busfahrertasche, in der sich noch zwei belegte Brote und die Teekanne befinden, öffnet die Fahrzeugtür, steigt ein, nimmt auf dem noch körperwarmem Fahrersitz platz und läßt den Motor erneut an. Einen Moment noch sitzt er da, mit abwesendem Blick, ein entrücktes Lächeln auf den Lippen, die sich zu einem lautlos ausgesprochenem Wort bewegen, ein Zauberwort, welches den Bann endgültig bricht, und so legt der Mann den Rückwärtsgang ein, steuert den Bus aus dem Depot, auf die Straße, hinaus aus der Stadt.
Er fährt auf die Autobahn, die ihn, so versichert er sich, Richtung Süden führt. Die spätmittägliche Herbstsonne scheint von rechts in die Windschutzscheibe hinein und blendet ein bisschen. Im Ablagefach findet er eine Sonnenbrille und setzt sie auf.
Gemütlich brummt er dahin, ab und an wird er von Fernfahrern gegrüßt. Und er grüßt zurück, lässig, als wäre er schon immer hier, on the road.
Beim Hereinbrechen der Dämmerung überlegt der Mann kurz, sich einen Rastplatz zu suchen, doch er entscheidet sich dagegen, und je später es wird, desto ruhiger wird es auf der Straße. Nach und nach verschwinden die PKW, von der Arbeit kommend, an der nächsten Ausfahrt die Blinker setzend, wieseln sie zurück in ihre Bauten.
Zurück bleiben die Elefanten, mit denen er gemütlich durch die Nacht zockelt. Als immer öfter Kennzeichen fremder Länder im Licht der Scheinwerfer zu sehen sind, erschrickt ihn der Gedanke an eine bevorstehende Grenzkontrolle, denn er hat seinen Reisepass ja nicht dabei. Und gleich darauf schüttelt er den Kopf; so lange ist es her, daß er verreist ist, damals mit seiner Frau. Da mussten sie ihr Geld noch wechseln in andere Währungen…
Früh am Morgen verläßt er die Autobahn, da ein Blick auf die Tankuhr ihm sagt, daß der Bus bereits auf Reserve läuft.
Er fährt auf eine Raststätte, geht dort als erstes auf die Toilette, wäscht sich danach Hände und Gesicht, um anschließend im Bus sitzend seine letzten beiden Brote und den Rest Tee zu vertilgen.
Als er vollgetankt und mit seiner Geldkarte bezahlt hat, spricht ihn draußen ein junger Typ an und fragt, wohin er fahren würde und ob er ihn ein Stück mitnehmen könne. Der Busfahrer willigt ein, und so setzen sie ihre Reise gemeinsam fort. Der Typ nimmt schräg hinter dem Fahrer platz und beginnt ein Gespräch, bei dem er seinen Namen nennt, und den Fahrer nach dessen Namen fragt. Dieser entgegnet ihm, daß er Ferdinand heiße, sein Beruf Busfahrer sei, und daß er sich dazu entschlossen hat, gen Süden zu fahren. Daraufhin wissen sie sich eine Zeitlang nichts mehr zu sagen und Ferdinand schaltet das Radio ein, findet einen Sender mit Schlagermusik.
Unterwegs gibt der Mitfahrer, dessen Name Maurice ist, Ratschläge, welche Strecken er fahren solle, um nicht unnötige Autobahngebühren zahlen zu müssen.
Sie fahren durch bergige Regionen, vorbei an Orangenbaumplantagen, passieren wunderschöne Landschaften mit satten grünen Wiesen, dann Weizen, an dessen Rändern Kornblumen cyanfarben blühen. Immer wärmer wird es, und die Luft ist durchdrungen von den unter-schiedlichsten Gerüchen, so daß der Fahrer die Türen des Busses öffnet, um all dies hereinzulassen. Maurice hat sich zwischenzeitlich zum schlafen auf die hintere Sitzbank gelegt.
Immer öfter sind am Rand der Straße kleine Stände aufgebaut, an denen Früchte, Blumen oder Erfrischungen feilgeboten werden. Bei ihnen sitzen meist Frauen oder Kinder, aber auch alte Männer sind zu sehen, die freundlich winken, wenn Ferdinand mit seinem Bus vorbeifährt. Einmal hält er an und ersteht eine Wassermelone, die er von seinem mitgeführten Bargeld bezahlt. Hinten ist Maurice gerade erwacht; mit seinem Messer schneiden sie die Frucht auf und halten Mahl.
Weiter geht die Fahrt, und die Landschaft wird immer karger, dabei auch bergiger. Ferdinand lenkt das Gefährt an immer bizarrer anmutenden Felsformationen entlang, vorbei an steinigen Abhängen, die in Täler führen, deren einzige Vegetation Gruppen knorriger Bäume und trockenastige Büsche darstellen. Und dann plötzlich: Wald – und dahinter geht es flachlandig weiter. Die Straße führt beinahe wie mit einem Lineal gezogen durch eine Region, auf deren fruchtbarem Boden kilometerlang Olivenbäume wachsen, und dann, zur Linken, Felder, auf denen Reis angebaut wird. Als es zu dunkeln beginnt, halten beide Ausschau nach einem Nachtlager. Da deutet Maurice zu einem Fluß, etwas abseits der Straße, und Maurice biegt ab auf einen staubigen Feldweg, der sie zu dem Gewässer führt. Während Ferdinand sich diesmal auf der Rückbank des Busses seinen Schlafplatz zurechtmacht, baut Maurice draußen sein Zelt auf. Ihr Abendessen besteht aus Wurst, Käse, sowie zwei Dosen Bier aus Maurice´ Rucksack. Sie prosten sich zu, am Ufer des mondbeschienenen Flusses sitzend.
In der Nacht träumt Ferdinand von wilden Löwen in der Savanne, in Schlamm badenden Elefanten und Flußpferden, Zebras und Giraffen, über bis zum Horizont reichende Steppen ziehend…
Am nächsten Tag gilt es, den fast leeren Tank und die hungrigen Mägen aufzufüllen. Sie fahren weiter die Straße entlang, bis sie eine Tankstelle entdecken. Ferdinand hält den Bus vor der Zapfsäule mit „Diesel“, steigt aus. Im selben Moment tritt ein betagter Mann aus der Tür des Tankstellengebäudes, umrundet den Bus, ungläubig den Kopf schüttelnd als der das Kennzeichen sieht, begrüßt den Fahrer in dessen Sprache. Ferdinand, überrascht und erfreut zugleich, erwidert den Gruß und äußert den Wunsch, vollzutanken. Sogleich ergreift der Mann den Zapfhahn, und während der Diesel läuft, erzählt der Tankwart dem Busfahrer, daß er vor vielen Jahren in Ferdinands Land gearbeitet habe, dort auch eine Frau kennenlernte und heiratete.
Der Tank ist gefüllt; so gehen die beiden Männer in den Verkaufsraum, wo sich Ferdinand mit Fladenbrot, Käse, Wurst, Keksen und Wasser aus dem kleinen Lebensmittelladen versorgen kann. Als er zum Bezahlen an die Kasse herantritt, bedeutet ihm der Inhaber, daß er lediglich das Benzin zu zahlen bräuchte; die Lebensmittel wolle er ihm schenken als Dank für die schöne Zeit in Fedinands Land, welches ihn damals so herzlich aufgenommen hat. Ferdinand bedankt sich und die Beiden verabschieden sich mit einem festen Händedruck.
Draußen sieht Ferdinand Maurice, der mittlerweile mit zwei jungen Frauen ins Gespräch gekommen ist, die, wie er, mit dem Rucksack unterwegs sind. Die beiden Frauen begrüßen Ferdinand, und Maurice sagt, daß sie auf dem Rückweg sind zu ihrem Heimatort, und sich sehr darüber freuen würden, mit ihnen fahren zu können. Mittels ihrer Ortskenntnisse könnten sie weiterhin Autobahnen und damit verbundene Mautgebühren umgehen. Ferdinand ist einverstanden, die Frauen verstauen ihr Gepäck im Bus, und schon kurz darauf, eine der Frauen hat eine Gitarre dabei, singen die jungen Menschen gemeinsam Lieder. Vorne, der Fahrer, die Sonnenbrille auf und die Türen geöffnet, summt und pfeift die in seinem Bus erklingenden Melodien mit.
Als er auf dem Seitenstreifen eine gebeugte Frau mit einem Korb auf dem Rücken entlangwandern sieht, hört er zeitgleich seine Mitreisenden rufen, ihn auffordernd, anzuhalten. So fährt Maurice den Bus rechts heran, die Mädchen springen heraus, begrüßen die Alte und fordern sie auf, einzusteigen. Unterdessen erklärt Maurice in wenigen Worten, daß die Mädchen die Frau kennen würden, und daß diese noch einen langen Heimweg vor sich hätte. Die alte Frau, in einfache Kleider und Tücher gehüllt, ist keuchend an sie herangetreten, und hält Ferdinand ihre Geldbörse entgegen. Dieser schüttelt den Kopf, sagt, daß er sie unentgeltlich mitnehmen möchte. Sie müsse lediglich auf einen der roten Knöpfe drücken, wenn sie angekommen wären. Maurice übersetzt, und so nimmt der neue Fahrgast bei den jungen Menschen platz. Es vergehen keine zwanzig Minuten, da erblickt Ferdinand erneut eine Gestalt am Wegesrand, diesmal ist es ein in schwarz gekleideter Mann, der eine Ziege hinter sich herführt. Nun hält Ferdinand von sich aus, wieder sind es die Mädchen, die das Gespräch führen, und kurz darauf steigen Mann und Ziege in den Bus. Das Tier wird kurzerhand an eine der Haltestangen festgebunden, und weiter geht die Fahrt!
Immer wieder tauchen nun Menschen am Straßenrand auf, und Ferdinand lädt sie alle zu sich in den Bus. Bald ist das ganze Gefährt erfüllt von Stimmen, Lachen, gackernden Hühnern, dem Meckern der Ziege und Lautenspiel. Und vorne sitzt Ferdinand, der Busfahrer, mit aufgeknöpftem Hemd und Sonnenbrille, braungebrannt mittlerweile, und freut sich, freut sich über das Dasein, und das, was noch vor ihm liegt.
Da wird das Haltesignal gedrückt, die alte Frau hat ihr Ziel erreicht. Sie wird umarmt und herzlich verabschiedet. Im Rückspiegel sieht Ferdinand sie ihnen noch lange nachwinken.
Zur Nacht finden sie einen guten Platz, der wieder an einem Gewässer liegt; diesmal ist es ein See. Maurice und die Mädchen schlagen ihre Zelte auf, die anderen Mitreisenden entzünden ein Feuer, um das sich alle im kühlenden Wind des Abends versammeln. Ein Huhn wird geschlachtet, die Weinflasche herumgereicht, und später dann Kraut zum rauchen, von dem auch Ferdinand der Höflichkeit halber zwei Züge nimmt. Die Gitarre hält nun der Ziegenhirt in den Händen, der sehnsuchtsvolle alte Weisen aus seiner Region singt. Irgendwann flüstert Maurice Ferdinand ins Ohr, daß es nun nicht mehr weit sei bis zum Meer, und Ferdinand nickt, dabei versonnen in die Flammen schauend.
Spät in der Nacht begeben sich alle zur Ruhe; die Meisten breiten am zum Gluthaufen niedergebrannten Feuer ihre Decken oder Jacken aus. Auch Ferdinand bleibt diesmal draußen, und während er auf dem Rücken liegend die Sterne über sich betrachtet, dringen aus einem der Zelte die liebes- und lustvollen Geräusche zweier junger Menschen an seine Ohren, und da wird ihm ganz wehmütig, erinnert es ihn doch an die Zeit, als er ein bezauberndes Mädchen kennengelernt hat, welches später seine Frau wurde. Sie haben davon geträumt, nach Afrika zu reisen, aber wie es häufig so ist, werden Träume verschoben, erst die Kinder großgezogen, die Kredite für die Eigentumswohnung abbezahlt, und aus dem gemeinsamen Weg wird ein Nebeneinanderher, aus dem Feuer der Leidenschaft das aufzuwärmende Essen im Ofen, und am Ende findet Ferdinand einen Brief auf dem Küchentisch, und während er die Zeilen liest, bricht alles in ihm zusammen, und Tränen tropfen auf das Papier bei den letzten Worten: ´Ich werde unseren gemeinsamen Weg verlassen, um von jetzt an meinen eigenen zu gehen…`
Den darauffolgenden Morgen wird ein gemeinsames Frühstück eingenommen, zu dem Ferdinand das in der Tankstelle geschenkt bekommene Essen beisteuern kann. Kaffee wird über einem neu entfachten Feuer gekocht, und jeder kann sich davon nehmen.
Während der nächsten Kilometer steigen nach und nach die Fahrgäste aus. Zuletzt verabschieden sich die jungen Frauen und Maurice, der von nun an die Gitarrespielerin begleiten möchte. Maurice und Ferdinand umarmen sich, und wünschen sich alles Gute für den weiteren Weg ihres Lebens.
So setzt Ferdinand seine Reise wieder alleine fort; jedoch traurig ist er nicht darüber, sondern erfüllt von gespannter Erwartung.
Und endlich kommt er zu dem Ort, an dem keine Straße mehr weiterführt, und er reiht sein Gefährt in die anderen wartenden Autos ein, stellt den Motor ab, steigt aus. Ferdinand setzt die Sonnenbrille ab und schaut auf das in der Sonne glitzernde Wasser, lauscht dem Kreischen der Möwen und atmet tief die Gerüche ein. Schließlich nickt er, begibt sich zu den Schaltern, wo er ein Ticket für die Fähre kaufen und sein restliches Geld eintauschen kann, um hinüberzufahren in das Land, von dem er irgendwann aufgehört hat zu träumen, und er weiß, daß es nun an der Zeit ist, diesen Traum in Erfüllung gehen zu lassen.
Als er aus der Wechselstube wieder hinaus ins Freie tritt, die Fahrkarte in der Hand, erblickt er einen alten Mann und einen kleinen Jungen, die mit ihrem Gepäck vor dem Gebäude hocken. Ratlos und niedergeschlagen blicken sie umher, und so tritt Ferdinand an sie heran und fragt, ob er ihnen helfen könne. Der Alte erklärt ihm, daß er und sein Enkel kein Geld mehr für die Überfahrt hätten, und sie müssen unbedingt zurück, in ihr Land, zu ihrer Familie. Da bedeutet Ferdinand ihnen, zu ihm in den Bus zu steigen, er würde sie bis zu sich nach hause mitnehmen. Welch eine Freude und Erleichterung ist da in den Gesichtern der Beiden zu lesen! Gemeinsam steigen sie in den Bus, Ferdinand läßt den Motor an, und die Fahrt geht weiter…
Christian C. Kruse