Eingestellt am 26.09.2026. Nur für kurze Zeit!
Wir sitzen zusammen in dieser Waldhütte, die bereits seit Jahren unser Treffpunkt ist, und unterhalten uns angeregt. Vor einer guten halben Stunde haben wir die Kekse verzehrt; den Vieren riet ich, nur einen halben zu probieren, ich jedoch aß diesmal einen ganzen. Mir kommt gerade der Gedanke, dass die lebhafte Diskussion auf den Inhaltsstoff der Kekse zurückzuführen sein muss, da macht es plötzlich BLINK, wie eine Leuchtstoffröhre, die in meinem Kopf angeschaltet wird, und im selben Moment sehe ich die vier Männer um den Tisch herum sitzen, rauchend und gestikulierend. Aber ich sehe sie nicht als einer gemeinsam mit ihnen am Tisch befindend, sondern betrachte sie von oben herab, schaue auf sie hinunter.
`Aber das ist doch gar nicht möglich´, denke ich, und als mich einer der Vier an der Schulter berührt, kehrt alles wieder in die reguläre Perspektive zurück. Ich verabschiede mich übereilt, trete hinaus, schließe die Tür hinter mir.
Draußen übergebe ich mich in einen der Büsche, greife mir mein Fahrrad und schiebe es den dunklen Waldweg entlang, erreiche schließlich die Straße. Dort entschließe ich mich aufzusteigen und loszufahren. Es geht gut voran, das Licht tanzt vor mir auf dem Asphalt, ab und an fährt ein Auto an mir vorbei oder kommt mir entgegen. Von der Wirkung des Kekses spüre ich jetzt nichts, außer dass ich Gerüche und Geräusche sehr intensiv wahrnehme.
Ich fahre in einen auf der Strecke liegenden Rastplatz ein, der von zwei Straßenlampen teilweise beleuchtet ist. Mitunter parken hier Autos oder es sind LKW abgestellt. Der Radweg beschreibt eine leichte Kurve, und dann kommt die erste Straßenlaterne in Sicht. In deren Lichtkegel sehe ich etwas mitten auf dem Weg liegen. Ich verlangsame die Fahrt, komme neben dem Ding zum stehen, schaue darauf, kann kaum fassen, was ich dort erblicke: Es ist eine abgestellte Tasche, in dem ein Kind steckt, ein Säugling noch. „Scheiße“, flüstere ich immer wieder, steige mit zitternd weichen Knieen ab, und da merke ich, dass mit dem Säugling etwas nicht stimmt. Es ist sein Kopf, er hat den Kopf eines erwachsenen Mannes – und sein Gesicht, ich erkenne darin mein Gesicht!
Im selben Moment rotzt dieser Balg mich an, ich schrecke zurück, falle über mein Rad und stürze einen Hang hinab…
Mit den Klängen von Radio Bremen eins erwache ich. „Ain`t no sunshine when she`s gone“ dudelt es aus dem Radiowecker. Ich taste nach dem Lichtschalter. Draußen ist es noch dunkel. Mit wankenden Schritten begebe ich mich in das Bad; im Spiegel betrachte ich meine rotgeäderten Augen. Was für ein abgefuckter Traum war das nur gewesen? Die Bilder verblassen, schließlich bleibt nur noch das unwohle Gefühl. Ich gebe mir noch etwas kaltes Wasser, trinke einen Kaffee, und begebe mich dann mit dem Rad zu meiner Arbeit. Am Himmel sind die ersten Spuren von Morgengrau zu erahnen. Leichter Bodennebel steigt auf. Es geht ein Stück bergan, und der Rastplatz liegt vor mir. Im selben Moment ich die Straßenlaterne erblicke, erinnere ich mich wieder an den Traum, und der Nebel wird dichter, steigt auf. Er hat eine grünliche Färbung, bemerke ich, und steige vom Rad, da ich quasi die Hand nicht mehr vor den Augen erkennen kann. Ich wende den Kopf nach links, und der Nebel bekommt die Form eines Vorhangs, der sich langsam öffnet, und da weiß ich, dass ich noch unter der Wirkung des Kekses bin. Also befinde ich mich gar nicht auf dem Weg zur Arbeit… Bin ich etwa noch in der Hütte? Aber was ist das bloß für ein abgefahrener Trip? Alles kommt mir so verflucht realistisch vor! Das Aufstehen, die Fahrt durch die morgendliche Kälte…
Durch den Nebelvorhang schiebt sich eine schwarze Masse. Es ist eine enorm große, schleimige Hornisse, und während sie mich mit ihrem wuchtigen, stachelbewehrten Hinterleib auf den Asphalt niederdrückt, frage ich mich, in letzter, grenzenloser Todesangst, wann dieser Trip endlich aufhören wird…
Der Schriftsteller gibt sich mit dem eben Geschriebenen zufrieden, fährt den Rechner herunter und dreht sich noch eine Zigarette. An dem Ende muss er noch etwas feilen; die Gestalt der Hornisse gefällt ihm nicht. Vielleicht wird er sie ersetzen durch den Tod, der dem Typen mit seiner Sense den Kopf von den Schultern rasiert, ganz klassisch…
Der Schriftsteller steht auf dem Balkon, atmet die frische Nachtluft ein. Sein Blick fällt über die Brüstung, und da sieht er unter sich die vier Männer rauchend und gestikulierend am Tisch sitzen, wie sie eine angeregte Diskussion führen, und als ihm der Verstand droht auszusetzen, da spürt er eine Berührung an der Schulter, und augenblicklich befinde ich mich wieder in der Hütte.
Ich richte meinen Blick auf den neben mir Sitzenden, doch der spricht gerade mit einem anderen, und so erhebe ich mich, murmele ein paar Abschiedsworte und verlasse die Runde. Draußen vor der Hütte wird mir auf einmal schlecht, dies wahrscheinlich von der Wirkung des Kekses, und ich übergebe mich in die Büsche. Anschließend greife ich mir mein Rad, und trete den Heimweg an…
*) Das alternative Ende: Der Schriftsteller begibt sich zu Bett, liest noch etwas, wird schließlich müde und löscht das Licht. Er meint, kurz eingeschlafen zu sein, als es plötzlich BLINK macht in seinem Kopf, wie eine Leuchtstoffröhre, die angeschaltet wird, und er reißt die Augen auf und sieht den Raum in graues Licht getaucht. Erst meint er, dass es schon Morgen ist, doch ein Blick zum Fenster zeigt ihm die Finsternis der Nacht. `Woher kommt nur dieses Licht´, denkt der Mann, und im selben Augenblick spüre ich, wie mein Körper sich erhebt, mitsamt der auf mir liegenden Bettdecke, und losschwebt, Richtung Tür, welche sich wie durch eine unsichtbare Hand bewegt öffnet, und ich gleite hindurch, schwebe über den Flur in das Wohnzimmer. Bisher das Geschehen als einen sehr realistischen Traum respektive einen Flashback, vielleicht von der Nachwirkung des gegessenen Kekses, deutend, bekomme ich einen gehörigen Schreck als ich sehe, dass die Lampe neben dem Computer angeschaltet ist.
Auf dem Stuhl hinter dem Schreibtisch sitzt ein Mann. Er ist alt, und er erinnert mich an jemanden…
„Da bist Du ja“, sagt mein Ich, „ich werde Dich jetzt zu mir holen.“ Ich will sprechen, kann aber nur den Gedanken formen: „Aber es ist doch noch viel zu früh!“
Mein Gegenüber schüttelt bestimmt seinen Kopf, erhebt sich. „Dein Zeitpunkt ist nun gekommen.“ Meine Gedanken rasen. „Aber wie kommt es, dass Du so alt bist, wenn ich jetzt und hier sterben soll?“ Wieder schüttelt mein Ich den Kopf.
„Du wirst durch mich weiterleben.“
„Wie ist das möglich?“
Sein Blick ruht auf mir. „Durch meine Erinnerungen!“
„Werden sie schön sein?“ frage ich.
„Das liegt an Dir“, antwortet mein Ich, dann ward es dunkel.